05. April 2022

Windenergieanlagen können ab Mitte 2022 deutlich näher an sogenannten Drehfunkfeuern gebaut werden. Zu dem Ergebnis kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler innerhalb der Forschungsvorhaben WERAN und WERAN plus. Die Bundesregierung setzt die Empfehlungen nun um.

Drehfunkfeuer werden in der Flugsicherung eingesetzt – in Deutschland gibt es rund 50 solcher Anlagen. Diese Navigationsanlagen senden Funksignale aus, an denen sich Flugzeuge orientieren. Bisher galt ein Anlagenschutzbereich von 15 Kilometern, in dem Bauanträge für neue Windenergieanlagen geprüft werden mussten – so sollte gewährleistet sein, dass die Funksignale nicht durch die Windenergieanlagen abgelenkt und gestreut werden. Dieser große Radius bedeutet allerdings auch eine beachtliche Fläche, für die bisher keine Planungssicherheit gegeben war.

Die Erkenntnisse aus den Forschungsarbeiten unter Leitung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bringen nun die benötigte Sicherheit für eine Abkehr von dieser Praxis. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben in den Projekten WERAN und WERAN plus unter anderem eine präzise Vorhersagemethode entwickelt, um die Auswirkung verschiedener Hindernisse auf die Funksignale vorherzusagen. Die gewonnenen Daten führen zu dem Schluss, dass der Prüfabstand zu Windenergieanlagen stark reduziert werden kann. Die Flugsicherheit bleibt dabei weiterhin gewährleistet.

Abstand kann auf die Hälfte reduziert werden

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) hat mit dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) nun ein umfangreiches Maßnahmenpaket vereinbart, welches diese Forschungsergebnisse aufgreift und den vorgeschriebenen Anlagenschutzbereich von 15 Kilometer auf generell 7 bis 6 Kilometer Radius verkleinert. Bis Mitte 2022 soll die Maßnahme umgesetzt werden, teilen die beiden Ministerien in ihrer heute veröffentlichten Pressemitteilung  mit. Zusätzliche Potenziale für die Windenergienutzung an Land können auch im Umfeld von Wetterradaren erschlossen werden. Die zusätzlichen Flächen schaffen somit zusammen kurzfristig ein Potenzial für 5 Gigawatt zusätzliche Windenergieleistung, derzeit blockierte Bauprojekte können abgeschlossen werden. „Das ist ein wichtiger Push für den Ausbau der Windenergie an Land", ordnet Bundeswirtschaftsminister Dr. Robert Habeck den Nutzen der Ergebnisse ein. „Wir erschließen durch moderne und kluge Regeln mehr Flächen für den Ausbau von Wind an Land. Das ist heute wichtiger denn je. Wir müssen mit ganzer Kraft den Erneuerbaren Ausbau voranbringen, um uns so schnell wie möglich aus der Klammer russischer Importe zu befreien.“

Jahrelange Untersuchungen ermöglichen präzise Prognosen

Innerhalb der beiden vom BMWK geförderten Forschungsprojekte WERAN und WERAN plus haben die Verbundpartner seit 2013 die Wechselwirkung von Windenergieanlagen und Drehfunkfeuern systematisch betrachtet und validiert. Ein Schwerpunkt bestand etwa darin, die Signale im Luftraum mit geeigneter Vor-Ort-Messtechnik zu erfassen. Die Simulation der Funksignale und ihrer Wechselwirkungen war ein weiteres Schwerpunktthema. Dabei stimmten Vor-Ort-Messungen und Simulationen gut überein, was das Vertrauen in die Ergebnisse erhöht.

Zuletzt haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Prognoseverfahren entwickelt, mit dem sie die Wechselwirkung der Drehfunkfeuer mit neuen Windenergieanlagen präzise voraussagen können. Auch andere sogenannte Störer, wie etwa Gebäude, Bäume, Hochspannungsleitungen oder bestehende Windenergieanlagen können identifiziert und deren Störpotenzial ermittelt werden. Daraus erstellen die Verbundpartner eine Clutter-Map: eine Karte, in die das Team neue Bauprojekte, wie etwa Windenergieanlagen, einfügen und das Zusammenspiel aller Bestandteile interpretieren kann. „Durch den Erkenntnisgewinn der beiden Projekte lässt sich jetzt sehr viel genauer die Auswirkung von Hindernissen auf die Signale von Drehfunkfeuern im Raum beschreiben“, erklärt Direktor und Professor Dr. Thorsten Schrader von der PTB. Außerdem werde die Sicherheit des Flugbetriebs erhöht, weil jetzt alle Hindernisse durch die Clutter-Map berücksichtigt würden. Für ihn sei immer maßgeblich gewesen zu zeigen, dass der Windenergieausbau im Umfeld von Drehfunkfeuern auch ohne Einschränkungen der Flugsicherheit möglich ist. (mb)

WERAN plus

För­der­kenn­zei­chen: 0324252A-D

Projektlaufzeit
01.07.2018 31.03.2023 Heute ab­ge­schlos­sen

The­men

Windenergie Umweltauswirkungen und Akzeptanz

För­der­sum­me: 1.340.219 Euro

Oktokopter, ausgerüstet mit Messelektronik für Vor-Ort-Untersuchungen
© PTB

Windenergie
Wirkung von Windparks auf Radar- und Navigationsanlagen

Neues Messverfahren gibt Auskunft über die Wechselwirkungen zwischen Windenergieanlagen und Radaranlagen oder Navigationsanlagen des Luftverkehrs.

mehr